- Einleitung
- Gastfreundschaft in der Bibel
- Was ist Gastfreundschaft?
- Gastfreundschaft praktisch
- Fazit
- Literatur
Einleitung
„Seid gegeneinander gastfreundlich ohne Murren!“ (1 Petr 4,9).
Gastfreundschaft ist eine Tugend, welche in der Bibel erstaunlich hoch gewertet wird.
Der Apostel [Petrus] scheut sich nicht, der Gastfreundschaft den gleichen Rang zu verleihen wie dem Gebet, wie der Predigt, wie dem Leiden um Christi willen oder der Leitung der Herde. (Rusche 1957:264)
Doch gerade im Gemeindekontext ist es oft nicht einfach, Gastfreundschaft richtig und nicht nur als Pflichterfüllung zu leben. Darum soll hier das theologische Bewusstsein geschärft werden, warum Gastfreundschaft als Tugend so wichtig ist.
In dieser Arbeit soll deshalb der Tugend der Gastfreundschaft zuerst aus biblisch-theologischer Sicht, dann aber auch aus kultureller Sicht nachgegangen werden. Dazu sollen zuerst die grosse Linie der Gastfreundschaft im AT und NT aufgezeigt werden. Was macht die christliche Gastfreundschaft aus und was für eine Stellung hat sie?
In einem weiteren Schritt soll auch das Laster zur Gastfreundschaft angeschaut werden. Die biblische Auseinandersetzung soll mit der Frage abgerundet werden, warum die Gastfreundschaft solch eine wichtige christliche Tugend ist und was dies für die ganze weltweite Kirche bedeutet.
Gastfreundschaft in der Bibel
Die grosse Linie
Gastfreundschaft ist eine Tugend, welche sich durch die ganze Bibel hindurchzieht.
Dies beginnt bereits bei der Schöpfungserzählung, in der Gott dem Menschen ein Gastrecht im Garten Eden gewährt. Dieses Gastrecht wird durch den Sündenfall verwirkt und der Mensch muss fortan als Fremdling in dieser Welt leben (Hebr 11,13), bis er am Ende durch das Erlösungswerk Christi zurück an den Tisch Gottes geladen werden kann.
Hier bildet die hoffnungsvolle Zuversicht aus Psalm 23 eine gute Veranschaulichung. Wo die Verse 1–4 Gott als guten Hirten, welcher seine Schafe durch das fremde Land dieser Welt führt, bezeichnen, wechselt das Bild in den Versen 5–6 auf Gott als Gastgeber. Der Mensch (David) ist angekommen, er darf am Tisch Gottes Platz nehmen, wird von diesem gar bedient und nie mehr aus dessen Haus verstossen werden. So deutet Psalm 23 bereits diese wiederhergestellte, ewige Gastfreundschaft Gottes an, welche Jesus auch in der Einsetzung des Abendmahls andeutet (Mt 26,29). Doch werden wir nicht mehr bloss Gäste sein, sondern Erben und damit vollwertige Familienmitglieder und Vollbürger (Gal 4,6; Eph 2,19) (Seidl 2017:385).
Gottes Gastfreundschaft zieht sich somit wie ein roter Faden durch die Bibel. Es verwundert deshalb nicht, dass die Gastfreundschaft auch für Christen eine wichtige Tugend ist, welche sich direkt in der Gastlichkeit Gottes gründet.
Dem soll nun nachgegangen werden.
Was ist Gastfreundschaft?
Das Wort Gastfreundschaft kommt in ihrer indoeuropäischer Urform ghostis, vom lateinischen hostis, diese wurde im Germanischen dann zum heutigen Gast weitergeführt (Hiltbrunner 2005:13). Dabei ist es bemerkenswert, dass die vier Grundregeln der Gastlichkeit in allen Kulturen ähnlich sind; nämlich das Gewähren von „Wasser, Feuer, Auskunft über den Weg und Obdach“ (:16), diese vier Grundregeln, welche man in allen Kulturen findet, deuten auf ein gemeinsames Urbild der Gastfreundschaft hin. Dies erscheint aus biblischer Perspektive nachvollziehbar, gar notwendig. Gastfreundschaft war dabei nicht nur für die nomadischen Wüstenstämme überlebenswichtig, sondern auch für den Handel essenziell. Deshalb findet man bereits früh Regelungen für das Gastrecht, welches längst im vorchristlichem Orient institutionalisiert war (:20).
In dieser Arbeit soll jedoch nicht weiter auf die verschiedenen Formen der Gastfreundschaft in anderen vorchristlichen Kulturen eingegangen werden, dazu ist hier kein Platz, es empfiehlt sich aber, die hervorragenden Ausführungen von Otto Hiltbrunner zu lesen (Hiltbrunner 2005; Hiltbrunner 1972).
Wichtig für diese Ausarbeitung ist, dass das Gastrecht eine über alle Kulturen verbreitete hochgeachtete Tugend ist. Insbesondere bei den nomadischen Stämmen, zu welchen auch Israel beim Auszug aus Ägypten gehörte, war diese nur schon aus überlebenswichtigen Gründen essenziell. Hier wird die Fremdenfreundlichkeit, welche Israel erweisen soll, mit dem Gastrecht, welches Israel in Ägypten genossen hat, begründet (Hiltbrunner 1972:1070).
Jedoch wird Gastfreundschaft auch zur Zeit des Neuen Testaments bei den Griechen und Römern als wichtige Tugend erachtet. Sowohl Aristoteles als auch Cicero heben die Gastfreundschaft als Tugend hervor. Theophrast, ein Schüler von Aristoteles, weist der privaten Gastfreundschaft sogar eine wichtige Funktion im Staat zu (:1086). Diese sehr hohe Stellung der Gastfreundschaft ist auch der Grund, warum bis ins 20 Jh. das Gastgewerbe in den orientalischen Ländern auf einem tiefen Niveau war. Weil die Kundschaft über genügend gastfreundliche Beziehungen verfügte, war es also gar nicht von Nöten, ein Hotel oder eine Herberge zu beziehen (:1091).
Mit diesem Vorwissen im Hinterkopf kann man sich nun der Gastfreundschaft in der Bibel zuwenden.
Gastfreundschaft im AT
Zuerst ist zu bemerken, dass die biblische Gastfreundschaft nur zu einem kleinen Teil mit dem heute gebräuchlichen Verständnis von Gastfreundschaft übereinstimmt, in welchem Gastfreundschaft vor allem als Einladen und der Gemeinschaft mit Freunden und Bekannten in Verbindung gebracht wird. Gastfreundschaft meint das Aufnehmen von Fremden und nicht in erster Linie das Pflegen von schon bestehenden Bekanntschaften (Garwood 2014:1). Dies kommt auch im griechischen Begriff φιλόξενος (philoxenos) hervor, welcher auch mit „Fremdenliebe“ übersetzt werden kann.[1]
Strauch sieht diese Fehldeutung der Gastfreundschaft bereits zur Zeit Jesus; so musste Jesus in Lukas 14, 12–14 hervorheben, dass die Armen und Kranken eingeladen werden sollten und damit Gastfreundschaft nicht zur Festigung seiner eigenen Ehre und Stellung dienen soll. Er ruft dazu auf, auch diesen Aspekt der Gastfreundschaft wieder in den christlichen Gemeinden zu leben (Strauch 2015:40).
Die eigentliche Fremdenliebe als Auftrag der Gastfreundschaft scheint somit bereits zur Zeit des NTs nicht mehr vollumfänglich gegolten zu haben.
Jedoch findet sich diese Fremdenliebe bei verschiedensten Begebenheiten im Alten Testament. So gilt Abraham aber auch Lot (Gen 18–19) als hervorragendes Beispiel für Gastfreundschaft, nicht nur im NT (Hebr 13,2), sondern in der ganzen Kirchengeschichte (Hiltbrunner 2005:104). Ambrosius empfiehlt am Beispiel von Abraham und Lot, Gastfreundschaft den Fremden zu gewähren. Dies nicht nur aus Menschenliebe, sondern auch im Bewusstsein, des zu empfangenden Lohnes (:176–177). Jedoch gibt es neben den beiden Paradebeispielen für Gastfreundschaft noch weitere Ausführungen im AT. So gewährt der Pharao Israel Gastrecht in Goser (Gen 47,6). Aber auch bei Laban (Gen 24.29) oder Elia bei der Witwe von Zarpat (1. Kön 17) finden wir Gastfreundlichkeit. Zu nennen ist auch die Hure Rahab, welche die Kundschafter aufnahm und schützte (Ri 2) und dafür sogar log.
Im grossen Kontrast zum gewährten Gastrecht stehen die Erzählungen von Sodom und Gomorrha (Gen 19), aber auch die Einwohner von Gibea, welche noch schlimmer als Sodom gehandelt haben (Ri 19). Im NT ist hier auch das Samariterdorf, welches Jesus nicht aufnehmen wollte (Lk 19,51-56) aber noch stärker Joh 1,11 zu nennen. Das nicht-Gewähren von Gastfreundschaft zieht sich durchgehend als Beispiel für gottloses Verhalten durch die Bibel; in Hiob wird es gar als unverschämt bezeichnet (Ijob 31,32).
Eine Ausnahme dazu bildet Jael in Richter 4. Hier gewährt sie Sissera, einem Verbündeten, zwar vordergründig Gastrecht mit Nahrung, Obdach und Schutz, jedoch wendet sie sich danach gegen ihren Gast und ermordet ihn. Dieses Verhalten wird danach explizit gelobt (Ri 5,24). Dies widerspricht der damaligen Haltung, dass selbst für einen Feind, sobald er Gastrecht in Anspruch nahm, der Gastgeber für seine Sicherheit verantwortlich sei (:24). Die Gastfreundschaft im AT, betrifft aber nicht nur die oben genannte Viererregel, sondern sie beinhaltet zusätzlich auch die Bewirtung mit Brot und Speise. Damit ist die Gastfreundschaft auch abhängig von der Leistungsfähigkeit des Gastgebers (:25).
Ungastlichkeit wird direkt mit Ungehorsam gegenüber Gott gleichgesetzt, dies findet sich in diversen Gerichtsworten (Ez 22,29; Jer 7,5; Sach 7,10) und dem Fremdlings Gebot aus Exodus 22,20-22, welches damit begründet wird, dass Israel selbst Fremdling war in Ägypten. Damit wird das Mitleid, welches die Gastfreundschaft in der Fremdenliebe zeigt, offenbar.
So ist es auch nicht erstaunlich, dass die rabbinischen Auslegungen Gastfreundschaft mit der Versicherung der Gegenwart Gottes verbanden. Wer Gastfreundschaft übt, dem gehört das Paradies, ja sie war gar wertvoller als das direkte Erscheinen der Shekina (Hiltbrunner 1972:1070).
Gastfreundschaft im AT betraf somit vor allen den Fremden − innerhalb der Familie war Gastfreundschaft als selbstverständlich vorausgesetzt. Es war eine wichtige Tugend, die nicht nur aus pragmatischen Gründen notwendig, sondern direkt in Gott und seinem Handeln mit dem Volk gegründet ist. Gastfreundschaft beinhaltete dabei Unterkunft, Verpflegung, Schutz und Bewirtschaftung. Genauso wie dies Israel auch in Ägypten erfahren hatte.
Gastfreundschaft im NT
Jesus setzt die Gastfreundschaft im NT wieder ins rechte Licht (Lk 14). Sie soll den Bedürftigen dienen und damit gelebte Nächstenliebe sein. Jedoch zeigt das NT noch ein breites gefächertes Bild der Gastfreundschaft auf.
Gerade das häufige (zehnmalige) Vorkommen von ξενίζω (xenizō) (als Gast aufnehmen) im NT, davon siebenmal in der Apg auffindbar, zeigt, dass die Gastfreundschaft von herausstehender Wichtigkeit für die Mission war (Friedrich 2011:1187).
Dabei war Jesus selbst ausserordentlich auf Gastfreundschaft angewiesen (Mt 8,29; Lk 9,58), wurde er doch von verschiedensten Leuten beherbergt und verbrachte so viel Zeit mit den verschiedensten Menschen. Dieses Gastwerden nimmt auch der Johannesprolog auf (Joh 1,14). Gastfreundschaft war somit bereits für Jesus von grosser Wichtigkeit für die Umsetzung seines Auftrags.
Die Wichtigkeit, diese Gastfreundschaft zu achten, wird auch in den beiden Sendungsaufträgen an die Zwölf (Lk9; Mk 6; Mt 10) und die Siebzig (Lk 10,7) gezeigt. Die Jünger sollen das Gastrecht geniessen, wo sie Aufnahme finden; dies soll für den Gastgeber im Umkehrschluss zum Segen werden, aber zum Fluch für jene, welche dies nicht tun (das nicht-Hören des Evangeliums).
Noch drastischer formuliert Jesus dies in Matthäus 25,38, wo das nicht-Gewähren der Gastfreundschaft mit dem Verspielen des Heils verbunden wird. So gilt dies auch für die von Jesus Ausgesandten (Joh 13,20); Wer sie ablehnt, lehnt auch Jesus selbst ab (Hiltbrunner 1972:1104).
Im dritten Johannesbrief kommt die Verbindung zwischen Christsein und Gastfreundschaft wohl am deutlichsten zur Geltung. Sie wird zur Verpflichtung für alle Träger des Christusnamen und für alle Missionare (Rusche 1957:267). Das Ablehnen des Gastrechts für Apostel und Missionare wird zu einem Vergehen am Leib Christi selbst (3 Joh 10).
Doch auch bei Paulus, Petrus und im Hebräerbrief wird die Gastfreundschaft grossgeschrieben. Paulus bittet Philemon um eine Gaststätte (Phlm 22), denn seine ganzen Missionsreisen wären ohne Gastgeber gar nicht möglich gewesen. Petrus hebt die Fremdlingschaft und Pilgerreise der Christen hervor und fordert deshalb zur Gastfreundschaft untereinander auf, ohne Missmut und Murren (:264). Wie Israel aufgrund seiner Fremdlings-Erfahrung Fremdenliebe ausleben sollte, so sollen es nun auch die Christen als Fremdlinge in der Welt untereinander tun. Es ist Voraussetzung für die Bruderliebe (Philadelphia).
Im Hebr gehört die philadelphia aufs engste mit der philoxenia zusammen. Christi Bruderschaft hat sich im Opfer verwirklicht, darum geht es nicht an, daß einer aus irgendwelcher Sorge um Hab und Gut, etwa in Zeiten der Bedrohung, einen Bruder hungern läßt und die Gastfreundschaft hintanstellt. (:263)
Wie Abraham und Lot Gastfreundschaft gelebt haben, obwohl auch sie Fremdlinge waren und dabei sogar Engel beherbergten, so sollen auch die Christen dies tun (Hebr 13,2).
Für einen Ältesten steht aus diesem Grund auch die Tugend der Gastfreundschaft als Voraussetzung fest (Tit 1,8; 1 Tim 3,2).
So hoch das Gewicht der Gastfreundschaft ist, so drastisch auch die Massnahme, jemanden von diesem Gastrecht auszuschliessen. Dies wird dort notwendig, wo durch die Gemeinschaft mit einem Menschen die Gemeinde gefährdet ist. Hier sind Irrlehrer und falsche Brüder erwähnt (1 Kor 5,11 nicht essen; Tit 3,10 er soll abgewiesen werden; 2 Joh 10–11 nicht einmal grüssen). Wo selbst einem Feind Gastrecht gewährt werden soll, besteht für einen Irrlehrer keinerlei Möglichkeit dazu. Hier kommt eine ausserordentliche Wahrheit auch für unsere Gemeinden heute hervor.
Man kann nicht Jesus und die Dämonen, nicht Wahrheit und Lüge an einen Tisch bitten. Um der Wahrheit willen, so lautet die Ermahnung des zweiten Johannesbriefes, darf bestimmten Leuten keine Hausgemeinschaft gewährt werden. (:266)
Es ist eine Warnung, welche wir auch heute vor Augen haben müssen, in einer Gesellschaft, wo jeder seine Wahrheit selbst bestimmt. Aber die Sache des Evangeliums ist so wichtig, dass selbst auf die Gastfreundschaft verzichtet werden muss, wenn diese Wahrheit des Evangeliums in Gefahr ist!
Irrlehrer und falsche Brüder werden somit im NT selbst dem direkten Feind untergeordnet und dies bildet auch für das heutige Ausleben dieser Tugend eine wichtige Einschränkung.
Gastfreundschaft in der frühen Kirche
Aus dem Zeugnis des NT hat sich in der frühen Kirche die Gasfreundschaft nicht nur als wichtig, sondern auch als notwendige Tugend herausgestellt. Bereits im Clemensbrief wird die Gastfreundschaft als herausragende Tugend bezeichnet (Schirrmacher 1990:5), aber auch in der Didache und im Hirten des Hermes wird diese Tugend hochgehalten. So findet man in der Didache Anweisungen für Lehrer und Propheten (Didach. 11-12), aber auch für fremde Glaubensgenossen, welche Gastrecht in Anspruch nehmen wollen.
Hier wird auch dem Missbrauch der Gastfreundschaft Einhalt geboten; ein Gast soll maximal drei Tage als Gast gelten, danach soll er seinen eigenen Unterhalt verdienen (Hiltbrunner 1972:1107). Spannend dabei ist, dass diese Einschränkung des Gastrechtes auf zwei bis drei Tage auch bei den Germanen zu finden ist (Hiltbrunner 2005:11).
Bei den Mönchen wurde die Gastfreundschaft so hochgehalten, dass dafür unbedingt das Fasten unterbrochen werden musste. Ein fastender Mönch sollte von seinen beiden Brötchen, welche ihm zustanden, eins bis zum Abend aufbewahren, damit er mit einem allfälligen Gast essen konnte; somit steht das Erweisen der Gastfreundschaft sogar über der Klosterordnung (Hiltbrunner 1972:1116–1117).
Doch galt die Gastfreundschaft nicht nur für Mönche und Bischöfe, sondern für alle Christen, nur dass von einem Bischof besondere Gastlichkeit erwartet wurde. „Ein Laie wird, wenn er einem oder zwei oder ein paar beherbergte, der G. genüge tun, ein Bischof ist unmenschlich, wenn er nicht alle aufnimmt“ (:1118).
So sieht man durch die ganze frühe Kirchengeschichte die Wichtigkeit und hohe Stellung der Tugend der Gastfreundschaft, welche direkt zurück auf Jesus geht. Daraus ist das heutige Gastgewerbe und Spitalwesen entstanden, dies genauer zu beleuchten würde aber zu weit führen (Hiltbrunner 2005:157–161).
Die Tugend der Gastfreundschaft ist somit bis heute als eine wichtige und erstrebenswerte Tugend auszumachen.
Laster
Nachfolgend sollen kurz die möglichen Laster zur Gastfreundschaft erörtert werden.
Zuerst ist hier die Ungastlichkeit zu nennen. Es ist das allgemeine Ablehnen von Fremden und Gästen, das Verschliessen seines Hauses und damit seines Herzens für andere. Dann ist jedoch auch die Selbstsucht zu nennen.
Selbstsucht ist der grosse feind der Gastfreundschaft. Wir wollen nicht belästigt werden. Wir wollen unsere Privatsphäre oder unsere Zeit nicht mit anderen teilen. (Strauch 2015:65)
Ein weiteres Laster ist in der Überschwänglichkeit zu finden, sie bildet das Extrem in die entgegengesetzte Richtung. In der beduinischen Gastfreundschaft kommt es auch vor, dass sich Gastgeber verschulden für ihre Gäste (Hiltbrunner 1972:1074). Dies entspricht nicht mehr dem Anspruch der christlichen Gastfreundschaft und ist deutlich übers Ziel hinausgeschossen. Hier ist auch Gastfreundschaft zu nennen, welche zur Gefahr für die eigene Familie werden kann, z.B. Beherbergung eines Kinderschänders etc. Gastrecht muss somit auch mit Weisheit und einem guten Mass ausgelebt werden. Sie soll aus der Nächstenliebe herauskommen aber nicht unüberlegt, törisch und sich selbst überfordernd.
Gastfreundschaft praktisch
Nach den biblischen und historischen Ausführungen über Gastfreundschaft sollen nun einige Vorschläge erläutert werden, wie die Tugend der Gastfreundschaft geübt und gelebt werden kann.
Biblische Gastfreundschaft einüben
Strauch gibt in seinem Büchlein einige wertvolle Hinweise.
Es sollen bewusst Zeit und Ressourcen eingeplant werden, um gastfreundlich zu sein. Hier kann z. B. der Sonntagnachmittag für Gäste freigehalten werden. Nicht nur für spontane fremde Gäste, sondern auch für Geschwister aus der Gemeinde. Dazu kann man eine Liste mit Namen anfertigen mit Nachbarn, Gemeindegliedern aber auch Missionaren, welche man einladen möchte. Konkret Gastpredigern oder Missionaren eine Unterkunft anzubieten, ist dabei wohl die klassische Umsetzung der christlichen Gastfreundschaft, hier hilft es, in der Gemeinde ein „Komitee“ zu haben, welches dafür sorgt, dass diese Leute irgendwo unterkommen (Strauch 2015:87–89).
Gerade weil die Gastfreundschaft direkt mit dem Ausführen des Missionsauftrags verbunden ist, aber auch mit der Gastfreundschaft Gottes zu uns, soll auch in den Predigten das Thema der Gastfreundschaft immer wieder beleuchtet werden. Es ist wichtig für die Gemeinde, zu erkennen, dass wir eine noch viel grössere Gastfreundlichkeit in Gott haben und das Nachfolgen somit auch diese gastfreundliche Seite Gottes umschliesst.
Hier bietet es sich an, mit der Jugendgruppe bewusst Arme und Kranke zu bewirten (Obdachlosenarbeit), um dies schon früh als Selbstverständlichkeit zu etablieren. Wie die Mönche sogar ihr Fasten für die Gastfreundschaft unterbrachen (Hiltbrunner 1972:1115), können auch wir die Gastfreundschaft unseren Freizeitaktivitäten vorziehen, denn darin ist ein grösserer Segen verborgen, als wir oft denken (Hebr 13,2).
Dabei bietet das einübend der Tugend der Gastfreundschaft auch eine grosse Chance um andere Tugenden einüben und leben zu können. Denn in der Gastfreundschaft steht der Umgang mit Menschen und damit das Leben der Tugenden im Zentrum.
Die Gastfreundschaft darf zum Schluss aber nicht zur Last werden. Sie muss natürlich geschehen, es braucht keine exorbitante Vorbereitungszeit, eine einfache Mahlzeit in Liebe tut es genauso. Das Laster der Überschwänglichkeit führt oft zur gänzlichen Aufgabe dieser Tugend aus reiner Überforderung heraus.
Bedacht ausgelebt kann die Tugend der Gastfreundschaft so zur grossen Chance für die weltweite Gemeinde werden, indem wir die Fremdenliebe, aber auch die Bruderliebe, wieder bewusst ausüben, und kein Sonntagmorgen-Christsein führen, sondern ein ganzheitliches Miteinander.
Die offenen Türen, welche bereits Paulus und den anderen Aposteln ihren Auftrag überhaupt erst ermöglichten, können auch heute noch viel Segen bringen. Darum steht diese Tugend nicht bloss als wichtige Eigenschaft eines Ältesten, sondern gilt für die ganze Gemeinde. Dies führt uns zurück zum Zitat, welches in der Einleitung dieser Arbeit steht, nämlich dass die Gastfreundschaft den gleichen Rang haben muss wie Gebet, Predigt, Leiden und Leiten in der Gemeinde, weil Gott in seiner Liebe am Ende als grösster Gastgeber steht, wie David voller Gewissheit in die Zukunft blickt:
Nur Güte und Gnade werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Haus des Herrn immerdar (Psalm 23,6)
Fazit
Die Tugend der Gastfreundschaft zeigt sich im gesamtbiblischen Kontext als besonders edle Tugend. Sie ist nicht nur im damaligen Kulturkontext gegründet, in dem sie zum Überleben diente, sondern direkt im Wesen Gottes als grösster Gastgeber aller Zeiten. Das Volk Gottes, als Fremdling in dieser Welt, blickt fröhlich in die Zukunft, wo das ewige Gastrecht bei Gott erwartet wird.
Als Christen und Kirche in dieser Welt sind wir aufgefordert, immer mehr nach dem Beispiel Gottes zu leben und uns verändern zu lassen. Die Liebe Gottes wird durch die Gastfreundschaft auch in dieser Welt bekanntgemacht und weitergegeben. Die Gastfreundschaft ist also in erster Linie nicht einfach nur ein Einladen von Freunden und Bekannten, sondern ein Offenhalten des Herzens und der Haustür auch für Fremde.
Wie schön wäre es, wenn es keinen Missionar oder Gastprediger mehr geben würde, der sich ein Hotel nehmen müsste, weil er weiss, dass seine Brüder und Schwestern ihn versorgen. Wie schön wäre es zu sehen, dass ein Missionar auf der Durchreise keine langen Vorabklärungen zu treffen braucht, sondern in der Gewissheit in eine Gemeinde gehen könnte Obdach, Verpflegung und Gemeinschaft vorzufinden.
Wie schön wäre es zu wissen, dass wenn Jesus heute als Bettler inkognito in unsere Gemeinden käme, er genauso an einem Tisch Platz finden würde, wie wenn er in Macht und Herrlichkeit käme.
In der Tugend der Gastfreundschaft steckt ein gewaltiges Potenzial, unsere Mission in dieser Welt zu leben.
Literatur
Friedrich, Johannes (2011). ξενίζω. Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament 3. Aufl II, 1187–1188.
Garwood, Anderson (2014). Hospitality. Lexham Theological Workbook, 1–5.
Hiltbrunner, Otto (1972). Gastfreundschaft. Reallexikon für Antike und Christentum VIII, 1061–1120.
Hiltbrunner, Otto (2005). Gastfreundschaft in der Antike und im frühen Christentum. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Rusche, Helga (1957). Gastfreundschaft und Mission in Apostelgeschichte und Apostelbriefen. Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 41(4), 250–268.
Schirrmacher, Thomas (1990). Gastfreundschaft in der Bibel. [Online] thomasschirrmacher.info [2024-02-12].
Seidl, Theodor. (2017). Gastfreundschaft in der Bibel. Der Befund des Alten und Neuen Testaments. Erbe und Auftrag 93, 378–397.
SLT (Hg.) (2004). Die Bibel: Version 2000, neue revidierte Fassung. 4. Aufl. Genf: Genfer Bibelgesellschaft.
Strauch, Alexander (2015). Platz ist in der kleinsten Hütte: vom Segen der Gastfreundschaft. 1. Auflage, neu übersetzte, überarbeitete Fassung. Dillenburg: Christiche Verlagsgesellschaft.
[1] This word offers a vivid etymological illustration of the notion of hospitality: φίλος (philos, “friend”) + χένος (chenos, “stranger”)—namely, a stranger treated as a friend. (Garwood 2014:4)
