Das Gleichnis der Talente entschlüsselt
Ich möchte hier das Gleichnis der Talente besser beleuchten, oder konkreter die Frage: Was erwartet Jesus wirklich von uns?
Oft wird dieses Gleichnis eher pragmatisch ausgelegt. So werden die Talente als unsere Begabungen und Ressourcen interpretiert, die wir für Gott einsetzen müssen. Andernfalls könnte es sein, dass uns am Ende, wenn Jesus wiederkommt, kein Lob, sondern Strafe erwartet.
Diese Auslegung ist natürlich sehr hilfreich, wenn man die Menschen zum Dienst und zur Mitarbeit motivieren will. Jedoch widerspricht sie dem eigentlichen Anliegen dieses Gleichnisses komplett.
Denn das Gleichnis kann nur im Kontext richtig verstanden werden. Es steht nämlich in der Endzeitrede von Jesus (Mt 24-25). Diese Rede folgt auf die Frage der Jünger, wann und wie sie die Endzeit erkennen können.
Matthäus 24,3
Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger allein zu ihm und sprachen: Sage uns, wann wird dies geschehen, und was wird das Zeichen deiner Wiederkunft und des Endes der Weltzeit sein?
Auf diese Frage nennt Jesus mehrere Ereignisse, die geschehen müssen, und hebt hervor, dass niemand die genaue Zeit kennt. Darauf folgen drei Gleichnisse (unbarmherziger Knecht, Jungfrauen und Talente), die einige wichtige Dinge gemeinsam haben:
- Es geht in allen Gleichnissen um die Zeit zwischen der Himmelfahrt und der Wiederkunft von Jesus.
- Es wird immer darauf hingewiesen, dass es am Ende eine Unterscheidung zwischen den „Erretteten“ und den „Nicht-Erretteten“ geben wird: denjenigen, die dem Evangelium glauben und danach leben, und denen, die es nicht tun.
Kurz gesagt, es geht um den Weg des Weisen und des Törichten, wie dies im Psalm 1 hervorgehoben wird.
Beachten wir diesen Hintergrund nicht, könnte man in diesem Gleichnis ein falsches Gottesbild erkennen, nämlich die Idee, dass wir verloren gehen, wenn wir nicht genug für Gott leisten. Doch genau darum – um Leistung und Werksgerechtigkeit – geht es in diesem Gleichnis nicht.
Aber nun wollen wir uns dem Gleichnis selbst zuwenden und genauer betrachten, was die Talente wirklich bedeuten.
Glauben als anvertrautes Gut (14-15)
14 Denn es ist wie bei einem Menschen, der außer Landes reisen wollte, seine Knechte rief und ihnen seine Güter übergab.
15 Dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Kraft, und er reiste {sogleich}[1] ab.Jesus beginnt sein Gleichnis mit den Worten «Denn es ist wie», womit er dieses Gleichnis mit den vorherigen verknüpft. Es geht wiederum um das Kommen des Reiches Gottes.
Ein Mensch begibt sich auf eine längere Reise und verteilt seine Güter an seine Knechte, jedem nach seiner Fähigkeit oder Kraft. Man könnte auch sagen: jedem gemäss seinen Begabungen.
Der Mensch, der hier abreist, ist Jesus Christus selbst, der nach seiner Auferstehung in den Himmel geht. Aber er lässt die Welt nicht einfach mit leeren Händen zurück, sondern hinterlässt etwas.
So stellt sich bereits die wichtige Frage: Was ist mit diesen Talenten gemeint?
Unsere heutige Definition von Talenten als Begabungen leitet sich von diesem Gleichnis ab. Doch wir dürfen Talente hier nicht mit Begabungen gleichsetzen. Vielmehr handelte es sich ursprünglich um eine Gewichtseinheit für Gold, Silber und Kupfer.
Diese entsprach etwa 25 bis 60 Kilogramm, je nachdem, welches Talent aus welchem Ort oder Königreich man heranzog. Zur Zeit Jesu wurde das Talent auch als Mass für eine bestimmte Geldsumme verwendet. Ein Geldtalent entsprach 6000 Denaren, was etwa 20 Jahreslöhnen eines normalen Arbeiters entsprach.
Hier wird also nicht knausrig ausgeteilt. Jeder hat viel erhalten, niemand geht leer aus. Es wird auch niemand über- oder unterfordert, sondern jedem wird nach seiner Fähigkeit gegeben.
In dieser Verteilung «jedem nach seiner Fähigkeit» sehen wir, dass der Herr einen Ertrag erwartet. Er gibt die Talente nicht zum Verstecken, sondern zum Verwalten. Ansonsten hätte er jedem dasselbe geben können, mit den Worten: «Passt schön darauf auf, dass es nicht gestohlen wird.»
Hier wird deutlich, dass die Auslegung «Talente = Begabungen» keinen Sinn ergibt. Wenn der Besitzer bereits jedem nach seinen Begabungen gibt, wie könnten die Talente dann wiederum selbst Begabungen darstellen?
Die Antwort muss im Kontext des Gleichnisses gefunden werden. Hier erkennen wir, dass es sich um das Erlösungswerk von Jesus Christus handeln muss, das im Glauben angenommen und dadurch gelebt und vermehrt wird.
Hier kommt das Wunderbare dieser Szene zum Vorschein: Jesus gibt jedem nach seiner Fähigkeit. Ganz praktisch können wir das so verstehen: Eine eingeschränkte Person, ein Demenzkranker im Altersheim oder ein Theologieprofessor mit fotografischem Gedächtnis – jeder hat von Gott nach seiner Fähigkeit das Evangelium anvertraut bekommen.
In unserer Gemeinde hatten wir zum Beispiel eine geistig behinderte Frau. Sie verstand vom Evangelium nur das absolute Minimum, nämlich dass «Jesus sie liebte» und dass sie ihn zurücklieben wollte. Das tat sie mit ihrem ganzen Herzen, und sie war dadurch ein grosses Zeugnis für viele. Auch wenn der Frau nur «wenig» anvertraut wurde – sie konnte weder hochtheologische Dinge durchdenken noch begreifen –, hat sie in dem wenigen geglaubt und gelebt.
Ich bin überzeugt, dass Gott jedem den Weg zum Glauben eröffnet, wenn er nach ihm sucht, und zwar jedem gemäss seiner Fähigkeit. Wir in Europa haben die ganze Bibel an jeder Ecke zur Verfügung; ein Muslim in einem Bergdorf hingegen nicht, und da redet Gott vielleicht durch einen Traum und führt ihn so zu seinem Wort.
In beiden Fällen stellt sich die grosse Frage: Wie gehen wir mit dem Anvertrauten um?
Das Wunderbare an Jesus ist, dass sein Evangelium für Arm und Reich, für Ungebildete und Intelligente gilt – für alle.
Jeder hat nach seiner Fähigkeit empfangen, aber nun sind wir auch aufgefordert, das Empfangene in unser Leben zu integrieren, es zu nutzen, oder besser gesagt: zu glauben und darin treu zu sein (Jakobus 2,17).
Das sehen wir in den nächsten Versen.
Handeln im Glauben (16-18)
16 Da ging {sogleich} der hin, welcher die fünf Talente empfangen hatte, handelte mit ihnen und gewann fünf weitere Talente.
17 Und ebenso der, welcher die zwei Talente empfangen hatte, auch er gewann zwei weitere.
18 Aber der, welcher das eine empfangen hatte, ging hin, grub die Erde auf und verbarg das Geld seines Herrn.
Nachdem der Herr gegangen ist, machen sich die ersten beiden Knechte sofort an die Arbeit. Ihr Erfolg ist bemerkenswert – beide verdoppeln ihr Talent.
Die beiden Knechte zögern nicht lange, sondern nehmen das Evangelium unverzüglich auf und handeln damit. Sie lassen es in ihr Leben einwirken und tun etwas mit ihrem Leben. Sie leben ihren Glauben konsequent und erfolgreich.
Der dritte Knecht hingegen ist ganz anders. Erinnern wir uns: Jeder hat nach seinen Fähigkeiten bekommen. Jeder hätte etwas aus dem Anvertrauten machen können. Doch der letzte Knecht entscheidet sich, das Talent zu vergraben. Er sagt damit: «Ich will das gar nicht haben!», und distanziert sich aktiv von seinem Herrn.
Das Talent war für ihn keine Überforderung, aber er wollte nichts mit dem Besitz seines Herrn zu tun haben.
Genauso ist es mit dem grössten Geschenk, das Gott uns anbietet: das Evangelium. Die Tatsache, dass wir Anteil am Reich Gottes haben dürfen, dass wir gerettet sind, und dass wir Frieden und Versöhnung mit Gott haben können, weil Jesus für uns am Kreuz bezahlt hat.
Glaube bewirkt etwas in uns, er verändert uns und wird Gewinn bringen. Doch wenn wir das Evangelium wie dieser Knecht ablehnen, wird uns alles Wissen nichts nützen.
Man könnte einwenden, der Knecht habe wenigstens positiv gehandelt, indem er das Talent nicht verzockt, sondern nur vergraben hat.
Aber das Evangelium ist nicht zum Bewahren anvertraut, sondern zum darin Leben.
Wenn wir das Evangelium angenommen haben, verändert sich grundlegend etwas in unserem Leben. Der Heilige Geist wirkt stetig in uns. Das ist ein gutes Prüfkriterium für unseren Glauben. Wenn wir nach 20 Jahren immer noch am selben Ort im Glauben stehen, müssen wir uns ehrlich fragen: Wo steht mein Glaube überhaupt?
Aber wie kann unser Glaube aktiv aussehen? Im 1. Petrus 4,10-11 finden wir einen von vielen Aspekten:
1. Petrus 4,10–11 (SLT)
10Dient einander, jeder mit der Gnadengabe, die er empfangen hat, als gute Haushalter der mannigfaltigen Gnade Gottes:
11Wenn jemand redet, so rede er es als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so tue er es aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht wird durch Jesus Christus. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.Kurz zusammengefasst bedeutet das: die Augen offen zu haben und alles zur Verherrlichung Jesu einzusetzen. Wenn wir im Glauben leben, verändert sich unser Blick und unsere Prioritäten richten sich auf Jesus Christus. Er, der uns so viel gegeben hat und täglich gibt – nicht nur geistlich, sondern auch ganz materiell. Er hat ja die ganze Erde erschaffen, und alles, was wir haben und besitzen, kommt letztlich von ihm.
Dabei spielt es keine Rolle, was wir nicht haben – auch wenn wir als Menschen oft zuerst darauf schauen. Vielmehr geht es darum, was wir haben.
So wie die Knechte hier alle viel erhalten haben, und doch haben wir oft billige Ausreden, um unser Vorwärtskommen im Glauben zu verhindern:
- «Wenn ich ein Auto habe, kann ich in die Kirche gehen.»
- «Wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, kann ich mich wirklich mit Gott auseinandersetzen.»
- «Wenn ich einen Partner habe, kann ich Stille Zeit machen und im Glauben wachsen.»
- «Wenn ich pensioniert bin, habe ich Zeit, um das mit Jesus anzuschauen.»
Hey, Jesus hat uns alles gegeben – sein Leben und auch die ganze Welt zur Verwaltung. Und weil wir wissen, dass wir von ihm so viel erhalten haben, dürfen und können wir es zu seiner Ehre einsetzen.
Das ist das Leben aus Glauben: dass wir mit allen Ressourcen, die Gott uns gibt, sein Reich bauen. Dass wir treu damit umgehen, nicht um gerettet zu werden, sondern weil wir gerettet sind.
Gott lobt und freut sich (19-23)
19 Nach langer Zeit aber kommt der Herr dieser Knechte und hält Abrechnung mit ihnen.
20 Und es trat der hinzu, der die fünf Talente empfangen hatte, brachte noch fünf weitere Talente herzu und sprach: Herr, du hast mir fünf Talente übergeben; siehe, ich habe mit ihnen fünf weitere Talente gewonnen.
21 Da sagte sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn!
22 Und es trat auch der hinzu, der die zwei Talente empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Talente übergeben; siehe, ich habe mit ihnen zwei andere Talente gewonnen.
23 Sein Herr sagte zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn!
Wir kommen zum schönsten Abschnitt dieses Gleichnisses, denn hier wird deutlich, wie Jesus wirklich ist. Zuerst sehen wir, dass Jesus wiederkommen wird – auch wenn es lange dauert, er wird wiederkommen, und das ist für uns ein Grund zur Freude.
Wir müssen keine Angst haben, ob Jesus uns am Ende loben und annehmen wird. Nein, als Christen, die das Evangelium angenommen haben, dürfen wir sicher sein, dass Jesus uns freudig begegnen wird.
Denn es geht nicht um unser Werk, sondern um unseren Glauben.
Wir haben bereits gesehen, dass die Talente nicht unsere Bemühungen, Fähigkeiten oder Begabungen darstellen, die wir einsetzen sollen. Vielmehr handelt es sich um das Evangelium und das Leben im Glauben. Beide Knechte werden mit demselben Lob angesprochen, was zeigt, dass Gott nicht auf den Ertrag schaut, sondern auf unsere Treue.
Grammatikalisch interessant ist, dass das «über vieles setzen» im Aorist steht, während der «Eingang in die Freude» im Futur steht. Jesus will uns also zuerst an seiner Freude Anteil geben, und dann werden wir von ihm zu neuen Aufgaben berufen – und zwar nicht erst am Ende der Zeit, sondern schon jetzt.
Das bedeutet, dass weder der Himmel noch unser jetziges Glaubensleben langweilig sein werden. Wir werden nicht nur auf einer Wolke sitzen und singen, sondern erhalten neue Aufgaben. Treue gegenüber Gott hat zuerst Freude als Lohn, und das dürfen wir bereits jetzt immer wieder erfahren.
Denn Gott ist nicht wie ein grimmiger Vater, der nie ein Lob für uns übrig hat. Es ist auch nicht so, dass wir erst am Ende der Zeit erfahren, ob Gott zufrieden mit uns ist und uns annimmt. Das wäre ein islamisches Gottesbild, ein Verständnis von einem Gott, bei dem wir nie wüssten, wo wir stehen.
Nein, Gott sieht unseren Glauben bereits jetzt und auch, wie wir darin leben und handeln. Darum will er uns schon jetzt immer wieder ermutigen, loben und unsere Treue belohnen.
Gott möchte mit uns stetig vorwärtsgehen und uns immer mehr anvertrauen, unseren Glauben «mehren». Dieses Gleichnis zeigt ein Gottesbild, das von einem liebenden Gott geprägt ist, der unsere Bemühungen sieht und nicht abwertet, der uns nicht im Ungewissen lässt und uns an seiner Freude teilhaben lassen will.
Die Bibel ist eindeutig: Gott hat nicht erst am Ende der Zeit Freude an uns. Nein, schon zu Beginn unseres Glaubenswegs freut sich der ganze Himmel mit ihm.
Lukas 15,7 (SLT)
7Ich sage euch, so wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die keine Buße brauchen!
Wenn Gott sich schon am Anfang über uns freut, wie viel mehr tut er es dann immer wieder in unserem Leben? Es ist nicht unsere eigene Freude, die wir uns erarbeiten müssen, sondern wir dürfen in seine Freude einstimmen – bis wir am Ende der Zeit an seinem großen Freudenfest teilnehmen.
Schon jetzt wissen wir durch den Glauben, dass wir dort sein werden. Auch wenn wir in diesem Leben immer wieder Schwierigkeiten, Anfechtungen und Rückschläge erleben, wie sicher auch die Knechte in der langen Zeit ihrer Verwaltung nicht nur Erfolg hatten. Sie mussten bestimmt hart arbeiten und manche Mühsal ertragen. Doch wir dürfen gewiss sein, dass Gott uns sieht und uns immer wieder durch seine Freude stärken will.
Es ist wunderbar, wie die Knechte freudig zu ihrem Herrn zurückkehrten. Sie hatten keine Angst vor seiner Rückkehr. Ebenso müssen auch wir nicht in Angst und Unsicherheit leben, ob unser Leben für Gott ausreicht. Nein, es reicht, weil der Wert unseres Glaubens nicht in uns selbst liegt, sondern in Jesus.
Darum können wir fröhlich in seinem Dienst stehen, ohne bis ans Ende der Zeit warten zu müssen. Wir dürfen schon jetzt in seiner Freude leben und aus dieser Freude heraus unseren Weg mit Gott gehen. Falsches
Gottesbild und falscher Glaube (24-28)
24 Da trat auch der hinzu, der das eine Talent empfangen hatte, und sprach: Herr, ich kannte dich, daß du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast;
25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe, da hast du das Deine!
26A ber sein Herr antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wußtest du, daß ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
27 Dann hättest du mein Geld den Wechslern bringen sollen, so hätte ich bei meinem Kommen das Meine mit Zinsen zurückerhalten.
Wo zuvor große Ermutigung gegeben wurde, folgt nun eine ernste Warnung. Der dritte Knecht tritt mit einigen Ausreden vor seinen Herrn. Er versucht, die Schuld seines Unglaubens auf Gott selbst abzuschieben, doch das funktioniert nicht.
Er bezeichnet seinen Herrn als hart und ungerecht, obwohl dieser jedem nach seinen Fähigkeiten ausgeteilt und niemandem zu wenig gegeben hat. Der Knecht hat seinen Herrn in keiner Weise gekannt.
Das ist eine tragische Situation, die auch Judas erlebte: Er war mit Jesus unterwegs und glaubte doch nicht. Diese Tragik betrifft die ganze Welt. Gott wird als böse dargestellt, als Spaßverderber, unbarmherzig und jemand, den man am liebsten aus der Welt verbannen würde.
Doch das ist bittere Ironie: Hätte der Knecht tatsächlich geglaubt, dass sein Herr so böse ist, dann hätte er doch alles daran gesetzt, ihm zumindest ein wenig zu gefallen. Der böse Knecht lebt nicht einmal seinen falschen Glauben konsequent, und so wird ihm das weggenommen, was er eigentlich nie wirklich besessen hat.
Wie jedem individuell nach seinen Fähigkeiten gegeben wird, so muss auch jeder für seinen Unglauben Rechenschaft ablegen. Und ich möchte dich persönlich fragen: «Hält deine Ausrede am Ende vor Gott stand?» Wir können uns nicht hinter anderen verstecken. Der dritte Knecht konnte nicht sagen: «Schau, die anderen haben so viel gemacht, da gehöre ich doch auch ein bisschen dazu.»
Genauso kannst du nicht sagen: «Meine Eltern haben doch so viel geglaubt, meine Gemeinde war so aktiv, mein Ehepartner hat genug gebetet.»
Nein, du musst selbst vor Gott Rechenschaft für deinen Unglauben ablegen.
Das falsche Gottesbild hatte verheerende Folgen für den Knecht, doch Jesus zeigt uns, dass Gott ganz anders ist.
Jesus zeigt uns ein Bild von einem Gott, der sein eigenes Leben für uns gegeben hat, der die Herrlichkeit im Himmel verlassen hat, damit wir an seiner Freude Anteil haben können. Darum dürfen wir wissen, dass er es gut mit uns meint, auch wenn wir nicht alles verstehen oder einordnen können.
Falsche Gottesbilder führen zu falschem Glauben, und das ist nicht harmlos, sondern, wie in diesem Gleichnis, lebensentscheidend.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir unser Bild von Gott nicht aus unseren eigenen Vorstellungen, Traditionen oder Kulturen ableiten, sondern aus seinem Wort.
Was verlangt Jesus also wirklich von uns?
Jesus verlangt nicht viel, außer dass wir treu im Glauben sind.
Der schlechte Verwalter wäre treu gewesen, wenn er das Talent wenigstens auf die Bank gebracht hätte, anstatt es zu vergraben. Dafür hätte er sich nicht einmal die Hände schmutzig machen müssen.
Es geht in diesem Gleichnis nicht darum, dass wir uns die «Freude bei Gott» in Ewigkeit verdienen müssen. Nein, keiner der Knechte konnte etwas dafür, dass ihm Talente anvertraut wurden. Aber ihre Treue zeigte sich in dem, was sie mit den Talenten taten.
Was ist, wenn ich mich wie der böse Knecht fühle? Angst habe zu versagen? Vielleicht habe ich in vielen Dingen meines Lebens bereits versagt.
Dann ist es tröstlich, dass der Knecht hier nicht für sein Versagen oder schlechtes Wirtschaften kritisiert wird, sondern für seine Untreue und Passivität, für seinen Unglauben.
Vielleicht hast du das Gefühl, versagt zu haben.
Dann fliehe zu Gott, zum Glauben an ihn, und vergrabe dein Talent nicht. Lerne, ihn richtig kennen.
Denn treu im Glauben zu sein, lohnt sich!
Noch ist es nicht zu spät, dein Talent wieder auszugraben.
Glaubens treue lohnt sich (29-30)
29 Denn wer hat, dem wird gegeben werden, damit er Überfluß hat; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.
30 Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird das Heulen und Zähneknirschen sein.
Und so kommen wir zur letzten Aussage: «Wer hat, dem wird gegeben werden, damit er Überfluss hat».
Diese Aussage finden wir auch in Matthäus 13,10–17, wo Jesus erklärt, warum er in Gleichnissen redet. Er betont dabei, dass die Gleichnisse dazu dienen, denen, die nicht hören wollen, auch kein Verständnis zu geben.
Das Fazit lässt sich kurz zusammenfassen: Wer Glauben hat und hört, dem wird mehr gegeben; wer jedoch nicht glaubt, dem wird auch das Wenige, das er hat, genommen.
Der kleinste Glaube wird so immer größer werden, aber wer nicht glaubt, den erwartet eine ewige Konsequenz. Ihm wird alles genommen: Er distanziert sich nicht mehr nur selbst, sondern Gott distanziert sich nun endgültig und für immer von ihm.
Das ist eine schreckliche Realität, aber es bedeutet, dass jeder, der Gott ablehnt, letztlich freiwillig von ihm getrennt sein wird.
Gott wird am Ende von niemandem mehr erwarten, als er fähig ist, aber er wird in seinem Urteil konsequent sein.
Darum lasst uns von diesem Gleichnis Weisheit lernen und unser Leben ganz auf Jesus ausrichten.
Dieses Gleichnis hat viel mehr mit Gottes Gnade zu tun, als es oft dargestellt wird. Statt uns auf Leistung oder Werksgerechtigkeit zu konzentrieren, offenbart es, dass Gottes Liebe und Barmherzigkeit uns frei geschenkt werden. Es geht nicht darum, dass wir uns den Himmel verdienen, sondern darum, wie wir auf das Geschenk des Glaubens antworten. Gottes Gnade liegt darin, dass er jedem nach seinen Fähigkeiten gibt und uns in seiner Freude Anteil haben lässt, wenn wir Treu sind.
[1] Im Griechischen kann das «Sogleich», sich auf die Abreise des Herrn oder auf das «an die Arbeit gehen» der Knechte beziehen. Vom Gleichnis her macht die zweite Variante mehr Sinn.
