Haben wir verlernt anderen zu helfen?

Heute las ich im Zug einen Zeitungsartikel zum Thema: „Haben wir verlernt anderen zu helfen?“ In Dietikon liegt ein Passant bewusstlos am Boden. Andere gehen weiter, einige machen sogar Fotos. Es hat mich nachdenklich gemacht. Die erste Frage im Artikel lautet: Warum wird ein Mensch liegen gelassen, wenn er blutet? Die Fachleute ringen dabei um Erklärungen.

Andres Büchel vom Beobachter, der jedes Jahr den Prix Courage für courachiertes Verhalten verleiht ist das ein typisches Beispiel unserer Ego-Gesellschaft. Das sei leider kein Einzelfall. Brandstätter-Morawietz (Pschologie-Professorin an der Universität Zürich) führt das Verhalten eher darauf zurück, dass viele in Stresssituationen versagen würden. Zwar gäbe es empirische Hinweise darauf, dass die Hilfsbereitschaft in grossen, anonymen Städten geringer ausgeprägt ist als in kleineren Regionen, sie würde aber dieser pessimistischen Einschätzung nicht zustimmen. Etwa in der Pfadi engagieren sich viele freiwillig für andere. Mein Gedanke dazu: In der Jungschar und in anderen Vereinen übrigens auch. Es gibt also Hoffnung.

Mir kam natürlich auch gleich die Geschichte vom barmherzigen Samariter in den Sinn. Die Geschichte dazu lesen wir in Lukas 10,25-37. Einige Gedanken dazu:

Es geht um eine wichtige Frage

Ein Gesetzeslehrer kommt zu Jesus und möchte ihn im Grunde auf die Probe stellen. »Meister«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« Doch statt auf diese Frage einzugehen, kehrt Jesus das Ganze um und stellt ihm eine Gegenfrage: »Was steht im Gesetz? Was liest du dort?« Und der Pharisäer bringt die ganze alttestamentliche Lehre auf den Punkt: »›Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand!‹ Und: ›Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst!‹« Und Jesus sagt zu ihm: »Du hast richtig geantwortet. Tu das, und du wirst leben.« Damit wäre es eigentlich abgeschlossen, aber der Gesetzeslehrer merkt selber, dass das gar nicht so einfach ist, was hier im Gesetz steht. Was kann er also tun? Vielleicht geht da noch was, wenn man die Sache etwas relativiert, dachte er sich vielleicht. Also fragte er: »Und wer ist mein Mitmensch?«

Eine anschauliche Geschichte

Daraufhin erzählt Jesus ihm die Geschichte von dem Mann, der unter die Räuber gefallen ist. Die meisten Ausleger sind sich darin einig, dass es sich wohl nicht um ein klassisches Gleichnis handelt, gerade weil Ortschaften und konkrete Personengruppen wie die Priester und Leviten genannt werden. Auch Örtlichkeiten (Jerusalem und Jericho) werden genannt. Es entspricht also nicht dem typischen Stil eines Gleichnisses. Jesus zieht hier keine Vergleiche, wie er das sonst tut. Es könnte also durchaus sein, dass sich diese Geschichte so zugespielt hatte, ähnlich wie es sich in Dietikon zugespielt hat, abgesehen vom Fotoapparat, den es zur Zeit von Jesus noch nicht gab. Der Priester und der Levit sehen den Verletzten am Boden liegen, aber sie ziehen weiter. Warum? Wie unsere Fachleute im Fall in Dietikon ringen auch die Theologen hier um Antworten.

Die Gründe nicht zu helfen

In Dietikon meinte ein Passant, dass er nicht geholfen hätte, weil er nichts mit der Polizei zu tun haben will. Eine echt krasse Einstellung, dachte ich mir. Doch war es zur Zeit Jesu etwa anders? In dieser Situation zu helfen, konnte für einen Priester oder einen Levit mit Konsequenzen verbunden sein. Bei der Berührung eines Toten (und man sah es dem verletzten wohl nicht auf den ersten Blick an, ob er noch lebt) hätte für den Priester die Priesterweihe auf dem Spiel stehen können. Er durfte nur nahe Verwandte berühren, wenn diese gestorben waren (vgl. 3. Mose 19). Für den Levit hätte es zumindest bedeutet, dass er sieben Tage unrein gewesen wäre, wenn er den Mann berührt hätte und dieser tot gewesen wäre. Ich denke wir müssen hier gar nicht gross auf diese beiden Personen zeigen und uns so sehr wundern. Wenn wir doch ehrlich sind, dann denken wir doch oft gleich: „Ich muss dringend zu einem Meeting, soll sich doch ein anderer darum kümmern, der gerade Zeit hat.“ Auch für uns kann es in manchen Situationen bedeuten, dass uns die Hilfe was kostet. Wir könnten zu spät zu einer Sitzung kommen. Wir müssten vielleicht sogar noch als Zeugen fungieren, unsere Personalien werden aufgenommen. Wenn wir Gründe suchen nicht zu helfen, dann finden wir immer welche. Das war wohl auch beim Priester und dem Leviten so. Sie hatten den Dienst in Jerusalem zwar beendet, doch ein Levit hätte an seinem Ort den Dienst zumindest sieben Tage nicht mehr verrichten können. Hier stellt sich mir die Frage: Was gewichte ich denn in dieser Situation höher? Einen einzelnen Menschen, oder meinen Berufsstand, mein Hobby, etc.?

Die Herzensangelegenheit

Jesus beantwortet die Frage übrigens nicht, wer jetzt unser Nächster ist. Er stellt zum Schluss eine ganz spezielle Frage: »Wer von den dreien hat an dem, der den Wegelagerern in die Hände fiel, als Mitmensch gehandelt?« Und die Antwort vom Gesetzeslehrer? »Der, der Erbarmen mit ihm hatte und ihm geholfen hat.« Und hier spürt man etwas von diesem tiefen Graben, der zwischen den Juden und den Samaritern bestand. Er sagt nicht etwa: „Der Samariter.“ Er formuliert es sehr umständlich. Plötzlich steht einer im Zentrum, der unter den Juden verhasst ist. Das muss diesen Gesetzeslehrer sehr beschämt haben. Jesus macht mit dieser Formulierung aus der Geschichte eine Herzensangelegenheit. Im Grunde sagt er zu diesem Gesetzeslehrer: Du musst dich nicht fragen: Wer ist mein Mitmensch? Du musst dich fragen: Wem erweise ich mich als Mitmensch? Beim Mitmensch sein kommt es nicht auf die Nationaliätät, die religiöse Gesinnung, etc. an.

Schlussgedanken

Zum Schluss ein Gedanke von Herzchirurg Prof. Dr. Thierry Carrel, der mich bei Leben Live in Thun sehr bewegt hat. Er sagte in dem Interview sinngemäss: „Wir wissen meistens gar nicht, wen genau wir hier operieren, jedem steht die genau gleiche Behandlung zu und wir geben für jeden Menschenleben das Beste, das wir können. Da spielt es keine Rolle, ob es sich um Herr Müller, ein Angestellter in einem Betrieb handelt, oder ob ein Bundesrat auf unserem Operationstisch liegt.“

Auch wir sollten in dieser Hinsicht immer wieder unser Herz prüfen. Und ich für mich will das immer wieder aufs Neue hin tun. Ich will mich nicht fragen: „Wer ist mein Mitmensch?“ Sondern: „Wem kann ich mich als Mitmensch erweisen?“

Zum Artikel: 20min.ch

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